Geschichtliches zu Tagesgeld & Tagesgeldkonto
Über die begriffliche und Marktentwicklung.
Tagesgeldkonten
Tagesgeldkonten haben in Deutschland bislang keine hohe Bedeutung gehabt. Die meisten Deutschen besitzen nach wie vor ein Sparbuch. Die Verzinsung eines Tagesgeldkontos war in der Vergangenheit niedrig, sodass es für Privatkunden kein Anlass gab, vom bewährten Sparbuch auf ein Tagesgeldkonto zu wechseln. Den Vorteil der täglichen Verfügbarkeit eines Tagesgeldkontos haben wiederum nur Firmen geschätzt, denn diese waren bereit, für Liquidität einen niedrigeren Zinssatz als bei Festgeldanlagen in Kauf zu nehmen. Einen regelrechten „Run“ auf Tagesgeldkonten gab es erst im Jahr 2000: Durch den Börsencrash war das Vertrauen der Privatkunden in Aktien zerstört. Das Streben nach Sicherheit führte viele Anleger wieder zum altbewährten Sparbuch. Die hohen Renditeaussichten, die viele Aktionäre im Auge hatten, hinterließen jedoch Ihre Spuren: Mit mageren Sparbuchzinsen wollte sich niemand mehr so recht zufrieden geben. Banken in Deutschland begannen massiv Fonds zu bewerben. Sie hofften, die geschockten Aktionäre mit Fondsprodukten zurück zu gewinnen. Die Marketingabteilungen der Banken versuchten durch teure Werbekampagnen Fonds als ein Produkt zu präsentieren, das von der Entwicklung der Aktien losgelöst sei. Doch diese Rechnung ging so nicht auf: Viele ehemaligen Aktionäre hatten zuviel Geld verloren, als dass sie noch einmal ihr verbliebenes Guthaben in die Börse investieren wollten. Das Streben nach Sicherheit hatte von nun an bei Anlageentscheidungen die höchste Priorität.
Der Markt formt sich
Im Jahre 2000 wurde eine neue französischen Bank gegründet. Mit Hauptsitz in Dublin (Irland) und einem Entwicklungs-Office in Frankfurt am Main entstand die erste reine Internetbank in Europa. Diese ging mit einem einzigen Produkt, einem Tagesgeldkonto, an den Markt. Der Zinssatz war außergewöhnlich hoch: 6 % Zinsen p.a. lagen deutlich über dem Marktdurchschnitt. Massive Fernseh- und Radiowerbung führten dazu, dass der börsengeschockte Anleger sich dem Produkt Tagesgeldkonto öffnete. Mit einem Tagesgeldkonto kann eine Bank jedoch kein Geld verdienen: Wenn eine Bank 6 % Zinsen p.a. bietet, so muss sie auf der anderen Seite eine höhere Rendite mit anderen Produkten (in der Regel Kredite) erwirtschaften. So sollten nach und nach andere Produkte eingeführt werden. Doch dazu kam es nicht, die Bank wurde im Jahre 2001 aufgrund mangelnden Erfolges geschlossen. Alle Kunden erhielten Ihre Gelder zurück. Die Muttergesellschaft der Bank stand für die Einlagen gerade, die darüber hinaus von der französischen Einlagensicherung geschützt waren (70.000 EUR). Die Sicherheit von Tagesgeldkonten hatte damit Ihren ersten großen Test bestanden. Unabhängig von dem Misserfolg gewann ein Bankprodukt an Popularität: Tagesgeldkonten sind seit dem Jahr 2000 das Zugpferd vieler Banken. Deutschlands größte Direktbank hat im Jahr 2005 nach eigenen Angaben pro Arbeitstag im Schnitt über 3000 Neukunden, hauptsächlich durch das beworbene Tagesgeldkonto, gewinnen können. Die Geschäftspolitik der Banken unterscheidet sich dabei von der Idee her bis heute nicht. Beworben werden nicht mehr Fonds, sondern Tagesgeldkonten. Nach Eröffnung eines Tagesgeldkontos steht die Bank im direkten Kontakt zum Kunden. Diesem werden andere Bankprodukte, vor allem die nur noch schwer zu vermittelnden Fonds sowie Kredite, vorgestellt. Mittlerweile hat fast jede Bank in Deutschland Tagesgeldprodukte im Angebot. Viele Institute kombinieren den Sicherheitsaspekt eines Tagesgeldkontos mit den Vorzügen eines Fonds (Kombiprodukte): Der Anleger erhält einen außergewöhnlich hohen Zinssatz auf einem Tagesgeldkonto, wenn er auch eine gewisse Summe in einen Fonds investiert.
Wirtschaftliche und gesellschaftliche Bedeutung
Tagesgeldkonten erfreuen sich großer Beliebtheit: Vor allem die Flexibilität und Ungebundenheit sind Eigenschaften, die gerade jüngere Anleger schätzen. Bei älteren Menschen gilt das Sparbuch nach wie vor als unantastbar. Objektive Argumente für das Beibehalten eines Sparbuches hinsichtlich Sicherheit und Rendite gibt es nicht. Oftmals sind es psychologische Faktoren, die eine Rolle bei der Entscheidung spielen, am Sparbuch fest zu halten. Die Tatsache, dass man mit dem Sparbuch über eine Urkunde verfügt, die man anfassen kann, ist dabei sicherlich ein ganz wichtiger Aspekt. So gibt es Institute, die Ihre Sparbücher optisch ansprechend gestalten („Goldenes Sparbuch“) und somit eben jene Kunden ansprechen, die gerne ein solches Dokument in den Händen halten. Andere Menschen verfügen nicht über die notwendige Flexibilität oder Notwendigkeit, sich mit dem neuen Produkt Tagesgeldkonto auseinanderzusetzen: Wer hohe Zinsen haben möchte, sollte ein Tagesgeldkonto als Onlinekonto eröffnen. Gerade ältere Menschen sind dieser Form des Bankings nicht aufgeschlossen und bleiben lieber bei Ihrer langjährigen Filialbank. Ein Tagesgeldkonto ist somit auch ein Spiegelbild unserer Gesellschaft: Das Onlinebanking wird in den nächsten Jahren weiter an Wachstum gewinnen, der Computer und das Internet nehmen immer mehr Einfluss in unserem Leben.Diese Entwicklung hat auch eine gewaltige Umstellung der Banken zur Folge: Kunden kann nur jene Bank gewinnen, die hohe Zinsen bietet. Hohe Zinsen kann nur eine Bank bieten, die kostengünstig arbeitet. Teure Filialnetze oder ein großer Mitarbeiterstab gehören mehr und mehr der Vergangenheit an. Nicht jede Bank wird diesen Umstellungsprozess meistern können: Übernahmen oder gar Schließungen sind schon jetzt sichtbar und werden den Bankensektor auch zukünftig begleiten.